von Christian Dreilich

 

Warum heißt KTMs große Viertakt-Sportenduro eigentlich EXC 520 Racing, wo sie doch „nur“ 509 ccm hat?

Ganz einfach: Weil man mit ihr durchaus 520 km am Stück fahren kann. Seit diesem Jahr sogar 525 km.

Wir habens ausprobiert und zwar bei der diesjährigen EnduRoMania. Das Roadstar Motorcycles Team hat zum dritten Mal daran teilgenommen. Im Gegensatz zu den beiden vorhergegangenen Jahren allerdings nicht mit den beiden Mannschaften „RSMT Men“ und „RSMT Women“, sondern in einem gemischten Team.

 

Nachdem sich unser drittes männliches Teammitglied Robby Labinsky beim Supermoto-Fahren an der ohnehin schon verletzten linken Schulter auch noch das Schlüsselbein kompliziert gebrochen hatte, war für ihn die Teilnahme erledigt. Seine Frau Heike wollte dann alleine auch nicht mitfahren, so war für den Rest des Teams klar, wir fahren „“mixed“, also Beate und Germar Probst, meine zuständige Fach-Lebensabschnittsgefährtin Birgit Janus und ich.

Ebenso klar war für uns auch schon vorher gewesen, dass wir die ganze Sache diesmal eher touristisch angehen und nicht auf Ergebnis fahren würden. Denn wir hatten in den letzten beiden Jahren gesehen, dass man, um wirklich Chancen auf den Sieg zu haben, auch große Strecken onroad fahren muß, da viele der lukrativen Kontrollpunkte weit vom jeweiligen Basislager entfernt liegen. Und um zum Beispiel die fetten Punkte von der Donau und Umgebung einzusacken, bedarf es schon einiges an Leidensfähigkeit, um mit einer 8 cm breiten EXC-Sitzbank stundenlang auf den holprigen Straßen Rumäniens rumzuhoppeln. Also lautete die Devise auch schon vor Robbies Ausfall: Spaß haben, auch mal was ausprobieren, und den Preis des „Most Relaxed Teams“ anpeilen.

Dann kam uns aber die neue EnduRoMania-CD dazwischen. Der Ur-EnduRoManiac Marcello Sieling stellt seit einigen Jahren eine CD-ROM zusammen, auf der sind Videos, Bilder, GPS-Koordinaten, -Waypoints und -Tracks, Reiseberichte von Teilnehmern usw. versammelt.

Als uns Sergio Morariu, der Initiator und Gründer der Enduromania-Stiftung, im Frühjahr unsere Teilnahme bestätigt hatte, schrieb er auch, dass es seit diesem Jahr völlig neues Kartenmaterial gäbe und dass diese Karten zusammen mit den GPS-Koordinaten aller aktuellen Checkpoints auch auf Marcellos neuer CD wären.

Die mußte ich haben! Kurze eMail an Marcello und kurz darauf hatte ich die CD im Laufwerk liegen. Die neuen Karten waren zwar für das TTQV-Programm von Touratech kalibriert, aber auf der CD findet sich auch eine Demo-Version dieser GPS-Software. Die Karten waren schlichtweg ein Traum. Maßstab 1:100000, also ein guter Kompromiß zwischen Übersichtlichkeit und Detailliertheit und offensichtlich sehr genau (Kompliment an den EnduRoMania-Kartografen Carlos Varga!).

Und noch was war neu, und das war letztlich das, was unseren bisherigen Plan über den Haufen warf und die Operation „Go for Gold“ ins Rollen brachte: Es gab einen Weg mit zugehörigen Checkpoints offroad zur Donau!

Spasseshalber hatte ich dann mal zu Hause am Computer eine Tagestour zusammengestellt. Auf dem „neuen“ Weg runter an die Donau, dabei schon mal fünf, sechs Checkpunkte en passant mitgenommen, dann die „Big Points“am großen Fluss eingesackt und die Runde so zu Ende gebracht, dass man auch auf dem Rückweg nach Brebu Nou, unserem Basislager, nicht taten- sprich punktelos bleibt. Das sah gut aus! Eine erste Addition der dabei zu erlangenden Wertungspunkte ergab die stolze Summe von 47000! Die Addition der dabei zurückzulegenden Kilometer brach ich dann allerdings ab, als mir schwindlig wurde.

Als ich dem restlichen Team davon erzählte, meinte ich ein gewisses Mitleid in ihren Mienen zu erkennen. Sie dachten wohl, jetzt würde das nächste Mitglied aus gesundheitlichen Gründen ausfallen.

Zumindest ließen sie mich noch ausreden. Ich erläuterte dann mit blumigen Worten, anschaulichen Bildern und griffigen Vergleichen unter Aufbietung all meiner rhetorischen Künste meinen Plan. Der erste, der wieder aufwachte, war Germar, der lapidar brummelte: „Ja, ja, schon gut, träum weiter.“ Birgit und Beate blickten sich nur an. Ich hatte sie restlos überzeugt! Geradezu sprachlos waren sie!

Meine eigene Euphorie sank dann allerdings mit jeder Stufe, mit der ich am PC die Kartenansicht verkleinern mußte, um die gesamte Route überhaupt auf dem Bildschirm darstellen zu können. War das vielleicht doch ein wenig weit für einen Tag?

Am Freitag, den 01.08.03 starteten wir.

Wir hatten uns mit Beate und Germar an der Rastanlage Jura bei Neumarkt/OPf. verabredet. Dort mußten wir noch die eine oder andere Bruttoregistertonne umladen, denn Probstens gut(aus)gebautes Wohnmobil „Aida“ (nach dem gleichnamigen Kreuzfahrtschiff) hatte mit den eingekauften Vorräten doch ein bißchen Speck um die Hüften angesetzt. Und da wir befürchteten, dass sich die österreichischen Weight Watchers nicht genügend von Aidas üppigen Formen beeindrucken lassen würden, um von Abspeckmaßnahmen unserer Portemonnaies abzusehen, mußte unser sportlicher italienischer Dreisitzer die Bürde des Getränketransports auf seine schmalen Schultern nehmen.

„Kermit“ ,unser grüner Iveco, war ganz stolz und wir rollten zügig nach Südosten. Der erste Zwischenfall ereignete sich in Österreich. Birgit konnte sich nicht mehr beherrschen und fiel über die Kaubonbons her, die wir eigentlich mitgenommen hatten, um sie im Rahmen unserer touristisch angehauchten Enduro-Wanderwoche an rumänische Kinder zu verschenken.

 

 

 

Ist die Bezeichnung „Plombenzieher“ für diese Dinger bekannt? Genau. Wir fuhren also in die schöne Stadt Wels an der Donau und versuchten am Freitag um 15:00 Uhr einen Zahnarzt zu finden. Das Ergebnis entsprach den Erwartungen. Wir konnten aber immerhin rauskriegen, dass es am Samstag einen zahnärztlichen Notdienst gäbe, Freitag nachmittag jedoch leider nicht.

Also fuhren wir weiter Richtung Rumänien und hofften darauf, dass uns Sergio dort einen Zahnarzt vermitteln konnte.

Nach einer größtenteils unspektakulären Fahrt mit Übernachtung in Ungarn kamen wir dann am Samstag nachmittag in Brebu Nou an. Wir waren ziemlich die ersten am Treffpunkt, der ehemaligen Schule, und konnten uns auf der zum Campingplatz umfunktionierten Wiese einen schönen Platz für unsere Minimal-Wagenburg aussuchen.

Sergio und seine Crew konnten dann tatsächlich einen Termin mit einer deutsch sprechenden Zahnärztin in Resita vereinbaren. Birgit sollte also am folgenden Montag um 13:00 Uhr in der ca. 30 km entfernten Kreisstadt sein.

Nun hatte ich aber in der Zwischenzeit das Team so weit belabert, dass wir am ersten „Wettkampftag“, also besagtem Montag, die Tour an die Donau in Angriff nehmen wollten. Vom Ablauf dieses Tages wollten wir die Entscheidung über die Gesamtstrategie 2003 abhängig machen. Wenn diese Tour einigermaßen zufriedenstellend gelaufen wäre, hätten wir die Operation „Go for Gold“ wohl versucht durchzuziehen. Wenn wir aber –wie wohl eher zu vermuten stand- gegen Mittag immer noch auf der Suche nach dem ersten Checkpoint im Wald um Brebu Nou umherirren würden, so wäre der Rest der Woche dann wohl gemütlich verlaufen und wir hätten gesagt, dass wir ja niemals vorgehabt hätten, in irgendeiner Weise und überhaupt bla bla.

Jetzt hatten wir aber einen Zahnarzttermin und Resita passte absolut nicht in die geplante Tagestour. Was tun? Wir gründeten einen Arbeitskreis, der eine Projektgruppe einsetzte, die ein Konzept erarbeiten sollte, welche langfristige Strategie nun zu ergreifen wäre und welche Taktiken zur Verfolgung derselben geeignet erschienen. In kontroversen und doch sachlich geführten Diskussionen einigte man sich letztlich auf folgendes Ergebnis: Wir fahren halt am Montag nicht an die Donau sondern in die grobe Richtung Resita! Genial! Erstaunlich, was modernes Projektmanagement zu leisten vermag.

Den Sonntag verbrachten wir damit, uns mental auf die Herausforderungen vorzubereiten, die unserer harrten. Wir badeten im nahegelegenen Stausee, freundeten uns mit unseren tschechischen Nachbarn vom Konecny-Team an und quatschten mit Sergio und den anderen Teilnehmern, die wir zum Teil schon von den letzten Jahren kannten.

Germar und ich hatten uns noch über die Karten hergemacht und mit GPS, Notebook, Textmarker und Edding-Stiften für jeden Tag eine Tour zusammengestellt. Wie gesagt, immer in Abhängigkeit vom Ergebnis unseres „Donautags“, bzw. davon, ob die Sache mit dem Zahnarztbesuch klappen würde.

 

Am späten Nachmittag waren wir beiden dann noch mit den Mopeds losgezogen, um wenigstens den Einstieg und die ersten Kilometer unserer Donautour zu erkunden. Dabei mußten wir gleich am Anfang einen ziemlich steilen Waldweg hinauf.

„Ob unsere Mädels da rauffahren?“ Wir zweifelten nicht, dass sie es schaffen würden. Das Problem war eher mentaler Natur und bestand darin, dass die Damen in Anbetracht größerer Höhenänderungen auf relativ kurzem Weg, sprich steiler Auf- oder Abfahrten, gerne mal verweigern. „Ihr wollt uns umbringen, das ist viel zu steil“ und so ähnlich. Zu 98 % schaffen sie es dann aber locker, meistens noch souveräner als wir Männer, die in derartigen Fällen dazu neigen, es weniger mit Gefühl als mittels brachialer Motorgewalt zu versuchen und dabei öfter mal im wahrsten Sinne des Wortes übers Ziel hinaus- oder daran vorbeischießen.

Zu einem Prozent schaffen sie es unter Schwierigkeiten aber zumindest ohne fremde Hilfe und ohne größere Schäden sowohl hinauf als auch hinab. Das letzte Prozent, das übrigbleibt, sorgt dafür, dass sie an der nächsten steilen Stelle abermals in ….hm….Respekt verharren.

Wir dachten noch kurz darüber nach, die Tour einfach andersrum zu fahren, denn eine steile Abfahrt kurz vor Feierabend wäre doch leichter zu vermitteln als gleich zu Beginn die Motivation auf einer Waldauffahrt zu begraben. Aber auch diesen Gedanken verwarfen wir wieder und beschlossen, das „Problem“ einfach zu verdrängen.

Eine Stunde später waren wir wieder im Camp und warfen den Grill fürs Abendessen an.

„Und wie ist es?“ fragten Birgit und Beate.

„Schöne Strecke so weit“. „Jaa, immer schön auf der Hochebene entlang. Klasse Wege“.

Weder besagte Auffahrt noch die tiefen Auswaschungen noch die zahlreichen Schäferhunde fanden Erwähnung. Es gab ja auch gleich Essen und warum sich den Appetit verderben?

Beim Begrüßungsabend am Lagerfeuer wurden dann die einzelnen Teams vorgestellt. Auf die Frage Sergios, welche Ziele wir uns für unsere dritte Teilnahme vorgenommen hatten, stapelten wir erstmal tief. Wir hätten ja wie bereits erwähnt unsere gemischtgeschlechtlichen Teams zusammenwürfeln müssen und damit würden wir Männer jetzt unter dem Druck stehen, zumindest den letztjährigen fünften Platz des RSMT Women-Teams halten zu müssen. Und außerdem müßten wir ja zum Zahnarzt. Kein Ton von Operation „Go for Gold“. Muß irgendwie untergegangen sein.

Nach einer eher unruhigen Nacht –Zahnarztbesuch und „Go for Gold“-Nervosität sorgten für Umwälzungen in den Schlafabteilungen des Teams- starteten wir am Montag gegen neun Uhr. Der erste Teil der Strecke verlief auf uns mittlerweile geläufigen Wegen über Semenic, Cosava Canton Ape und den Buhui-See und wir kamen gut voran. Ab Anina bewegten wir uns auf navigatorischem Neuland.

Nachdem wir uns nur ein- zwei Mal leicht verfahren hatten, näherten wir uns dem ersten 4000er (nicht Höhenmeter sondern Wertungspunkte!), als sich Germar einen Platten einhandelte. Aufgrund des näherrückenden Zahnarzttermins beschlossen wir uns vorübergehend zu trennen. Germar und Beate wechselten den Schlauch, während Birgit und ich die Punkte von Garliste-Bahnhof und –Tal abholten. Dann wollten wir nach Resita zum Zahnarzt fahren und anschließend wieder die beiden anderen treffen, die nach erfolgter Reifenreparatur direkt nach Resita fahren sollten.

Den Bahnhof hatten wir relativ schnell gefunden. Dieser befindet sich erstaunlicherweise hoch über dem Tal mit dem zugehörigen Ort Garliste und sollte dauernd besetzt sein.

Da war aber niemand. Nach ca. 5 Minuten schlappte ein nur mit Unterhose bekleideter triefnasser Mann über die Wiese Richtung Bahnhof. Seine Klamotten trug er über dem Arm. Offensichtlich hatte sich der Bahnhofsvorsteher gerade eine Dusche in seinem Wohnhaus gegönnt.

Wir erhielten unseren Stempel, aber meine Frage nach dem Weg ins Tal konnte er nicht beantworten. Die klassische rumänische Wegauskunft: Zeige in irgendeine beliebige Richtung, sage den Namen des gesuchten Ortes gefolgt von einem akustischen Fragezeichen und du wirst ein überzeugtes „da, da“, also „ja, ja“ hören. Zeige dann in die genau entgegengesetzte Richtung, wiederhole den Ortsnamen und die Antwort wird unverändert „da, da“ lauten. Aber immer freundlich, da gibts nichts.

Normalerweise macht mir das nichts aus. Jetzt drängte allerdings die Zeit. Wir lagen zwar noch gut in der selbigen, aber groß verfranzen brauchten wir uns jetzt nicht mehr.

Die dunkle Wolke über Birgits Helm, die von Minute zu Minute an Bedrohlichkeit zunahm, verhieß nichts Gutes. Außerdem hatte mir Sergio am Abend vorher noch erzählt, dass es wohl ziemlich schwierig sei, besagten Weg zu finden. Die Nervosität stieg. Sollte die Operation „Go for Gold“ daran scheitern, dass der versagende Navigator von seinem zornigen zahngeschädigten Weib in die Schlucht gestoßen wurde?

War es Glück oder eine höhere Macht, die mir beistand, auf jeden Fall kamen wir auf die Minute genau zum Termin mit der Zahnärztin. Die folgende Stunde verbrachte Birgit im Behandlungsstuhl und ich damit, auf dem Marktplatz in Resita die interessierten Fragen der Bevölkerung nach Hubraum und Preis der KTMs zu beantworten, so gut es ging. Besonders letzteres ist schon ein wenig komisch in Anbetracht der Armut in diesem Land.

Im Vergleich dazu ist eine Kariesbehandlung inklusive Füllung eines Zahns für umgerechnet 10-15 Euro schon bemerkenswert. Und Birgits Schilderung zufolge waren sowohl Behandlung als auch Gerät der Zahnärztin einwandfrei.

Als wir schließlich zum vereinbarten Treffpunkt fuhren, dachten wir, Beate und Germar wären dort wohl schon festgewachsen. Schliesslich wechselt Germar mittlerweile Reifen und Schlauch auch nachts um drei in nullkommanix und wir hatten auf der Karte gesehen, dass die beiden von dem Pannenort aus grad mal zwei Kilometer geradeaus auf der Forststrasse fahren müßten, um auf die Hauptstrasse nach Resita zu kommen.

Dem war wohl nicht so. Die Forststrasse wurde zum Forstweg, der Forstweg wurde zum Wanderweg, der wiederum zum Pfad wurde und zu guter Letzt in eine Schlucht führte. Germars Versuch, ein Stück weit den steilen Pfad in die Schlucht hinab zu fahren, um sich den weiteren Verlauf anzusehen, endete damit, dass er eben nicht endete. Trotz nachdrücklicher Verzögerungsversuche mit allem, was dafür zur Verfügung stand, rutschte er unaufhaltsam ziemlich weit hinunter, so dass weder an wenden noch an zurückfahren zu denken war.

Die nachfolgende Stunde verbrachten die beiden dann damit, mittels Bergeseil (Grundausstattung bei der EnduRoMania) die KTM aus der Schlucht zu ziehen bzw. zu schieben. So kamen wir also fast gleichzeitig am Treffpunkt in Resita an.

Unser Tagesplan war immer noch machbar. Wir wollten eigentlich nur noch über das Secu-Hotel und Talva Campului hoch nach Lindenfeld und von dort aus über Zagoru zurück nach Brebu Nou.

Vom Forsthaus Talva Campului rüber nach Lindenfeld hatten wir uns nochmal kernig verfahren. Als wir endlich den richtigen Weg gefunden hatten, gings relativ flott bis zu dem mittlerweile verlassen Dorf und von dort weiter Richtung Zagoru. Germar und ich wußten, dass es jetzt noch eine ziemlich schwierige Stelle für die Mädels gab. Das war der von uns so genannte „Goldweg“. Dieser zweigt von der Forststraße von Lindenfeld herunter ab und führt ziemlich steinig und steil recht weit hinauf auf die Hochebene. „Goldweg“ haben wir ihn deshalb getauft, weil das Gestein dort sehr glimmerhaltig ist. Deshalb konnten wir uns auch recht genau daran erinnern.

In Anbetracht der bisherigen Anstrengungen kamen unsere Amazonen aber recht gut hinauf. 

 

Oben war aber erst mal Pause angesagt, die die Mädels zur Erholung und wir  dazu nutzen, unter Verwendung diverser Kabelbinder einige  verbogene und abgebrochene Teile an den  Motorrädern notdürftig zu reparieren. 

Danach rollten wir dann „gemütlich“ nach Hause. Einen am Weg liegenden GPS-Checkpoint und den an der Zagoru-Hütte nahmen wir noch mit und kamen schliesslich recht ausgepumpt in Brebu Nou an.

Martin Prochazka (2. von rechts) von unseren tschechischen Freunden hatte dann noch ein Highlight für uns bereit: Er kam abends herüber und fragte, ob wir vier Becher oder ähnliches hätten. Es gäbe noch eine Überraschung.

 

Wie sich herausstellte, ist Martin im richtigen Leben Chefkoch in einem Hotel in Prag und verwöhnte uns noch mit einer Riesenportion leckeren selbstgemachten Eises. Wir konnten nur ahnen, wie es seinen Teammitgliedern gehen musste. Ich hoffe, sie haben ihn nicht nur seiner Kochkünste wegen mitgenommen.

Für den nächsten Tag stand die Donautour an.

Die Fragen nach der voraussichtlichen Gesamtstrecke umging ich geschickt. Ich wußte es selbst nicht so genau und wollte es eigentlich gar nicht wissen. Wir hatten uns darauf geeinigt, erst mal bis zur Donau zu fahren, um dann dort in Anbetracht der Tageszeit zu entscheiden, ob und wie wir weiter- bzw. zurückfahren. Übernachten wollten wir keinesfalls da unten.

Über die besagte „Einstiegsauffahrt“ machten wir uns überhaupt keine Sorgen mehr. Wir hatten am ersten Tag gesehen, wie zäh die Mädels sind und welche Sachen die mittlerweile ohne größere Probleme fahren.

Und so war es auch. Auswaschungen und Schäferhunde beeindrucken sie auch nicht mehr großartig, so kamen wir echt super voran. Allerdings konnte man schon deutlich erkennen, wer an welcher Position fuhr. Birgit hatte leichte Staubspuren an den Klamotten und im Gesicht, Beate war schon ziemlich verstaubt und Germars Aussehen kam einem panierten Schnitzel sehr nahe. Nur ich war vergleichsweise wie aus dem Ei gepellt! Schon nicht schlecht, so ein GPS-Gerät, vor allem, wenn es das einzige im Team ist und man vorausfahren darf.

Das eingeplante Luncavita mit Tankstelle verpassten wir, aber laut Karte käme ja noch eine Tanke kurz vor der langen Waldstrecke Richtung Donau. Tanke war auch da, allerdings „Pumpe kaputt“. Mist aber auch. Na gut, was solls. Wir hatten die großen Tanks drauf und gestern schon gesehen, dass sich der Spritverbrauch eigentlich in Grenzen hielt. „Mann“ war doch etwas sparsamer unterwegs, wenn die Mädels dabei waren. Ich weiß: Die Jungs von der Reiseendurofraktion liegen jetzt am Boden vor Lachen, wenn ich bei 13 Litern Inhalt von „großen Tanks“ spreche. Ist aber immerhin 50 % mehr als sonst. Weiterhin ist mir bekannt, dass die Aussage bezüglich der Geschwindigkeit auch nicht überall auf Gefallen stoßen wird. Aber ich bin eben mutig. Na, vielleicht nehme ich den Absatz noch raus….

Was soll ich groß rumreden. Am Ende des Tages hatten wir geklärt, warum die große KTM 520er heißt, konnten auf den Dingern weder sitzen noch stehen, waren nach 14 Stunden fix und fertig erst im Dunkeln im Camp eingetrudelt und hatten 41000 Punkte mehr auf dem Konto.

Wenn jetzt nichts großartiges mehr passieren würde, dürfte der Entgegennahme eines Pokals nichts mehr im Weg stehen. Zumal wir gestern auch schon 27000 Punkte eingesackt hatten. Diese Einschätzung meinerseits teilte das Team allerdings nicht.

„Ja, ja. Letztes Jahr hast du auch rumgetönt, wir könnten gewinnen und nix wars.“ „Schau dir mal die Dänen und die Schotten an, die sind auch total gut unterwegs“, „Wir haben noch zweieinhalb Tage vor uns, da kann noch viel passieren“. Ich war von hoffnungslosen Optimisten umgeben.

Tag drei –die Nordost-Route. Muntele Mic, Tzarku und die auf dem Weg liegenden Checkpunkte standen auf dem Programm. Die westliche Auffahrt zum Muntele Mic waren die Mädels bisher noch nicht hochgefahren.

„Ist das sehr steil?“ Aha, die üblichen Bedenken. Ich versuchte also, mein Tempo der vermeintlichen Geschwindigkeit der Damen anzupassen. Als es dann richtig steil und steinig wurde, schaute ich mich um, ob mein Abstand auch nicht schon zu groß geworden sei. In dem Moment bretterte Birgit auch schon an mir vorbei und auch Beate hätte mich ums Haar über den Haufen gefahren, weil ich da so rumtrödelte. Von wegen ängstlich. So wie die beiden drauf waren, hatten wir auch keine Bedenken mehr vor der langen Auffahrt zum Tzarku. Einmütig legten sich die beiden in einer der ersten Kehren zu dem 2200 m hohen Berg noch hin, aber dann folgte eine Vorstellung, die an Lance Armstrong und Jan Ullrich am Tourmalet erinnerte. Eisern kämpften sie sich hoch. Wir waren stolz auf unsere Mädels! Natürlich hatten sie das nur geschafft, weil wir Männer sie physisch und psychisch so gut aufgebaut hatten. Das jahrelange ausgefeilte Training und die äußerst feinfühlige psychologische Betreuung machten sich nun bezahlt. Ob wir unser offensichtliches Talent auch der Deutschen Enduro-WM-Mannschaft zur Verfügung stellen sollten?

Über die Tatsache, dass Beate und Birgit diese Leistung in erster Linie sich selbst zuschrieben und dabei völlig verkannten, welche Trainergenies dies erst möglich gemacht hatten, sahen wir großmütig hinweg.

Doch damit nicht genug: Auch die physiotherapeutische Seite wird abgedeckt: Birgit hatte am Muntele Mic wohl doch zu sehr am Gasgriff gedreht, jedenfalls bekam sie im Laufe des vierten Tages Schmerzen im rechten Handgelenk.

 

Dr. Probst fackelte nicht lange und verpasste ihr einen mustergültigen Tape-Verband mit modernstem Carbon-Kevlar-Materialmix, das wir gerade im Auftrag der NASA testeten. Nur auf den ersten Blick könnte es der Laie auch mit herkömmlichem schwarzen Kunststoff-Isolierband verwechseln.

Nicht mehr an Ort und Stelle reparieren konnten wir allerdings Beates 400er. Auf dem Rückweg von Baile Herculane nahm das Unheil seinen Lauf. Es kündigte sich zunächst mit üblen Motorgeräuschen an, setzte sich mit abnehmender Leistung fort und zu guter Letzt gab der Motor mit enormen Rauchzeichen kund, dass er jetzt genug hatte. An ein Weiterfahren war nicht zu denken und das knapp 50 km von Brebu Nou entfernt. So kam unser Bergeseil zu weiteren Ehren.

Nachdem das GPS an meiner KTM war und wir noch zwei Checkpoints im Programm hatten, tauschten wir die Mopeds einmal komplett durch. Birgit übernahm meine 520er und Beate die 400er von Birgit. Die beiden fuhren dann alleine weiter während Germar Beates kaputte 400er steuerte, die ich wiederum mit Germars 520er zog. Alles klar? Ist auch nicht so wichtig.

Auf der E 70 ging das Schleppen jedenfalls erstaunlich zügig voran. 60-70 km/h waren kein Problem, auch das Überholen klappte gut.

Schwierig wurde es dann auf dem letzten Stück von Slatina Timis nach Brebu Nou. Je näher man Brebu Nou kommt, desto schlechter wird der „Straßen“belag und desto enger werden auch die Kurvenradien, besonders für den Geschleppten. Unseren Vorsprung vor den Mädels, die wie gesagt noch zwei Checkpunkte mitgenommen hatten, konnten wir nur bis kurz vor dem Ziel halten. Dann war unser Ausreißversuch beendet und sie hatten uns wieder eingeholt. Auf den Massensprint am Ziel verzichteten wir dann.

Trotz dieser Widrigkeiten hatten wir schon wieder das geplante Tagespensum geschafft. Zur Belohnung gabs diesmal von unserem tschechischen Chefkoch Vanillepudding mit Früchten.

Was nun noch blieb, war den Sack zuzumachen. Am Freitag vormittag starteten Germar, Birgit und ich um die letzten verbliebenen Punkte zu holen. Beate hielt Wacht am Krankenbett ihrer 400er. Als wir gegen Mittag zurückwaren, hatten wir insgesamt 122500 Punkte gesammelt. Dazu kamen nochmal 8000 Bonuspunkte“, weil wir die komplette Wertungspunktefamilie „Speicherseen“ abgegrast hatten.

Ich war wieder der einzige, der glaubte, das müßte eigentlich für den Sieg reichen. So viele Punkte hatte bis dato noch niemand in der Geschichte der EnduRoMania erreicht. Aber da waren doch noch einige Teams, die man auf der Rechnung haben mußte. Als wir am Freitag nämlich auf dem Rückweg ins Lager waren, begegneten uns im Wald das Warchinger Team „Yamaha Königsdorfer“. Im Gespräch mit den Warchingern, wie es denn so gelaufen sei, erfuhren wir, dass sie bis auf ca. 8-10 Checkpunkte alle abgegrast hatten. Hoppla! Das konnte eng werden! Auch wir hatten einige Punkte links liegen lassen, weil die zuviel Zeit gekostet hätten. Es blieb  also spannend bis zur abendlichen Siegerehrung am Lagerfeuer.

Fazit:

Es hat in der Tat gereicht. Sogar mit dem absoluten Punkterekord, der jemals bei bisher 42 EnduRomania-Veranstaltungen seit 1995 erreicht worden ist.

Wir sollten für das nächste Mal Chefkoch Martin Prochazka von den Tschechen abwerben. Zumal wir uns dann wirklich mehr Zeit nehmen werden, um seine Kreationen gebührend würdigen zu können.

Das nächste Motorrad, das ich mir zulege, hat keine 520 ccm mehr, sondern höchstens noch 125.

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